Wien Geschichte Wiener Persönlichkeiten

Kolschitzki, Kaffee und die Türken

eine Gedenktafel über Wohn- und Sterbehaus von Kolschitzky

eine sehr bekannte Geschichte, die als bekannt vorausgesetzt wird, bildet den Eckpfeiler des Beitrages dieser Woche

Kolschitzki und der Kaffee

Kolschitzki war ein Geschäftsmann, der in Wien wohnte und durch seine Geschäftsbeziehungen der türkischen Sprache mächtig war. Während der Türkenbelagerung 1683 erhielt er den Auftrag, sich bei Nacht und Nebel durch die gegnerischen Reihen zu schleichen und das Entsatzheer des Polenkönigs Johann III. Sobieski zu kontaktieren. Sobieski hatte sich natürlich sofort nachdem er die Kunde der Belagerung Wiens erhalten hatte, aufgemacht um das christliche Abendland zu schützen und Wien zu verteidigen. Kolschitzki sollte dem Polenkönig mitteilen, dass die Wiener nicht mehr lange durchhalten können und dass er sich beeilen soll.

Dies gelang ihm auch. Er brachte die Kunde des nahenden Polenkönigs nach Wien, worauf die Wiener wieder Hoffnung schöpften und durchhielten, bis die Polen eintrafen. die Türken wurden daraufhin bei der Schlacht am Kahlenberg besiegt.

Bei der überstürzten Flucht blieben mehrere hundert Säcke mit seltsamen, unbekannten grünen „Bohnen“ zurück. Die Wiener wussten damit nichts anzufangen. Kolschitzki, der diese sofort als „Kaffee“ identifizierte, erbat sich diese Säcke als Belohnung für seine Spionage- und Botentätigkeit. Dies wurde ihm gewährt und er eröffnete mit diesem Vorrat das erste Wiener Kaffeehaus. Es hieß „zur blauen Flasche“ und befand sich etwa im Bereich 1., Stock-im-Eisen-Platz 4.

Der erwartete Erfolg blieb aus. Den Wienern war dieses Gebräu zu bitter, zu fremd. Erst als er begann, diesen Kaffee mit Milch und Zucker zu servieren, boomte der Laden und die Wiener Kaffeehauskultur war geboren.

Alter Hut

Die geschätzte Leserin und der werte Leser werden sich jetzt fragen, ob mir die Themen ausgehen. Diese Geschichte kennt vermutlich jeder, der in Wien in die Schule ging oder vielleicht einmal den Kaffeesiederball besuchte und dort die Eröffnungsreden hörte. Diese Geschichte ist wohl altbekannt und ich habe sie bereits so in der Volksschule gelernt.

Der Grund dafür ist recht einfach: diese Geschichte ist genau so altbekannt wie falsch.

Jetzt die Fakten

Georg Franz Kolschitzki war kein Wiener sondern wurde 1640 in Sambir, Polen / Litauen als Jerzy Franciszek Kulczycki,geboren. Sein Beitrag zur Befreiung Wiens wird vermutlich deswegen so hoch eingeschätzt, weil er einen eigenen Schreiber beschäftigte, der seine Geschichte niederschrieb und dabei ein „wenig“ übertrieb. Diese maßlosen Übertreibungen wurden dann von Kolschitzki gedruckt und vermarktet. Heute würde man von Fake-News sprechen.

Der Polenkönig war auch nicht unbedingt so selbstlos, wie er gerne dargestellt wird. Sobieski hat sich erst geweigert Wien beizustehen. Polen war damals verbündet mit Frankreich. Und Frankreich war verbündet mit den Türken. Den Franzosen waren die Türken sympathischer als die Habsburger, deren Politik sie mit Sorge und Argwohn beobachteten. Daher wollten sie (und ihre Verbündeten) den osmanischen Expansionsbestrebungen nach Österreich nicht im Wege stehen.

Erst als es zum Zerwürfnis zwischen Frankreich und Polen kam, erklärte sich Sobieski bereit, Wien zu helfen. Natürlich gegen eine wirklich unverschämte Gagenforderung, bei der sogar die verschossenen Kugeln abgerechnet wurden. Die Bezahlung lag um das Vielfache über den üblichen Kosten für ein Söldnerheer. Aber die Nachfrage macht den Preis und wenn einem das sprichwörtliche Wasser bis zur Oberkannte Unterlippe steht …

In Wien war damals Kaffee bekannt. Es sind ab 1645 Ausgaben für türkische Gesandtschaften zum Ankauf von Kaffee belegbar. Es gehörte damals zum Protokoll, bei türkischen Gesandten Kaffee zu servieren.

Kaffeehäuser in Europa sind etwa mit Mitte des 17. Jahrhunderts belegt. So etwa in Venedig, Marseille, London, Oxford, Paris und Hamburg.

Das erste Kaffeehaus befand sich in Wien in am Haarmarkt 1, das ist heute die Rotenturmstraße 14. Es wurde seit 1685 von dem Armenier Johannes Deodat (Diotato, Teodato,… verschiedene Schreibweisen in der Literatur) geführt. Das zweite Kaffeehaus, das historisch nachweisbar ist, ist besagtes Haus „zur blauen Flasche“, das seinen Hausnamen vermutlich von Christian Flaschner, dem das Haus im 16. Jahrhundert gehörte, bekam. Dieses Kaffeehaus, in dem der Legende nach auch Prinz Eugen zu Gast gewesen sein soll kann historisch nicht mit Kolschitzky in Verbindung gebracht werden. Dazu gibt es keinerlei Nachweise.

Und Kolschitzky?

Kolschitzky lies sich seine Leistungen mit einem Gastgewerbepatent entlohnen. Historisch gesichert ist, dass darauf „vergessen wurde“ und es einen Brief gibt, mit welchem er seine Bezahlung energisch aber doch mit sehr höflichen Worten einfordert.

Es gibt in der Literatur die Meinung dieses habe sich am Stephansfreithof befunden. Das waren Häuser am Stephansplatz, die es heute nicht mehr gibt. Ich kenne auch aus der Literatur die Meinung, dass sich dieses im jetzigen 2. Bezirk befunden haben soll. Es ist jedoch aus den Quellen nicht ableitbar, ob er dieses Patent überhaupt nutzte oder ob er es verpachtete oder verkaufte.

Und diese schöne Geschichte?

Friedrich Torberg schrieb einmal: Wien ist die Stadt der funktionierenden Legenden. Böse Zungen behaupten, das wäre das Einzige, das in Wien funktioniert. Aber das geht entschieden zu weit …

Die Geschichte vom Kaffee und Kolschitzky ist eine willkürliche Erfindung des Piaristenpaters Gottfried Uhlich, der das so in seiner 1783 erschienenen Chronik „Geschichte der zweyten türkischen Belagerung Wiens, bey der hundertjährigen Gedächtnißfeyer“ zur Tatsache erhob und als solche verbreitete.

Übrigens gibt es noch ein Kolschitzkydenkmal im 10. Bezirk, in dem Kolschitzky gezeigt wird, wie er gerade Kaffee ausschenkt. Das Denkmal stammt aus 1885. Ich verlinke hier auf das Bild davon von Wikipedia.

Mein Buchtipp

Touristen sind oft erschlagen von dem Angebot in Wiener Kaffeehäusern. In Wien wird nicht einfach nur ein Kaffee bestellt. Es gibt neben dem großen Braunen, dem Verlängerten, der Melange, dem Mokka und dem Einspänner noch zahlreiche andere Varianten, die man kennen sollte und mal probiert haben muss.

In diesem Buch erfährt der Leser alles Wissenswerte zum Thema Wiener Kaffehäuser und nebenbei auch entsprechende Adressen.

geschrieben von

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen