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Wo ist die Fahne in der Fahnengasse?

SW Bild der Fahnengasse, Wien

ein König von Schweden und Norwegen, Frankreich und eine getötete Tochter Maria-Theresias bilden die Eckpunkte der Geschichte.

die Fahnengasse

Die Fahnengasse im 1. Bezirk ist eine recht kurze Gasse im 1. Bezirk. Wir haben hier eines der Hochhäuser des 1. Bezirks, aber weit und breit keine Fahne. Wie kommt also die Fahnengasse zu ihrem Namen?

die französische Botschaft

Urspünglich lag die Fahnengasse etwas weiter südlich. Dieser Umstand ist wichtig, da der Abstand zum Palais Caprara-Geymüller heute größer ist als damals. Den Namen Fahnengasse trägt sie seit 1898 und dieser weist auf ein historisches Ereignis aus dem Jahr 1798 hin. Ursprünglich war es eine Sachgassenähnliche Verlängerung der Wallnergasse und trug auch eine Zeitlang den Namen Brunnengasse.

Damals diente das Palais Caprara-Geymüller, Wallnerstraße 8 als französische Botschaft. Der Botschafter war Jean Baptiste Bernadotte ein enger Vertrauter Napoleons und Revolutionär.

Die Situation mit Frankreich war etwas unentspannt. Aber zumindest metzelten sich die beiden Parteien seit dem Frieden von Campoformio nicht mehr gegenseitig nieder. Das war schon ein sehr großer Fortschritt.

Jedenfalls gedachte Österreich am 13. April 1798 der vielen Toten, wie wir in dem Krieg gegen Frankreich zu bedauern hatten. Auf Anordnung Frankreichs hisste Bernadotte die französische Fahne Balkon der Botschaft. Das war natürlich eine Provokation, die sich die Wiener nicht gefallen ließen. Zu tief saß der Hass auf die Franzosen. Zu viele Menschen sind gefallen. Und auch, dass die Franzosen, Maria Antonia, die Tochter Maria-Theresias umgebracht hatten, war noch lange nicht vergessen.

Die Wiener versammelten sich um die Botschaft und zeigten ihren Unmut. Einer der Demonstranten kletterte auf die Fassade des Hauses und riss die Fahne herunter, die unter dem Gejohle der Menge verbrannt wurde.

Bernadotte trat auf den Balkon und beschimpfte die Menge als Pöbel. Dies heizte die Stimmung noch mehr auf. Auch wenn die Menge, das was er sprach nicht verstand, so beschimpfte er sie natürlich in der verhassten französischen Sprache. Die Botschaft wurde gestürmt und es kam zu einem mehrstündigen Kampf mit den Franzosen in der Botschaft.

Die österreichischen Behörden zeichneten sich bei diesem Vorfall nicht unbedingt durch besondere Einsatzfreude aus. Erst nach der zweiten Depesche wurde ein Trupp Husaren geschickt, die dann aber auch eher halbherzig eingriff und die Menge wieder zerstreute.

Maria Antonia

Um nochmals auf die von den Franzosen getötete Maria Antonia zurück zu kommen. Wie allgemein bekannt sein dürfte, betrieben die Österreicher eine sehr intensive Heiratspolitik.

Maria Antonia Josepha Johanna von Habsburg-Lothringen, die letzte Tochter und das 15. Kind Maria Theresias, hat sich ihr späteres Schicksal wohl auch anders vorgestellt, als sie als 14 jähriger Teenager in der Augustinerkirche neben ihrem Bruder stand und ihm das Ja-Wort gab.

Damals war das noch möglich. Also eine Stellvertreterhochzeit meine ich und nicht den eigenen Bruder zu heiraten. Die Habsburger benötigten zwar wegen der nahen Verwandschaftsverhältnisse des Brautpaares für jede Heirat einen Dispens vom Papst, die natürlich auch gewährt wurde. Aber bei Bruder und Schwester hätte auch der Papst vermutlich abgewunken.

Die Hochzeit wurde anschließend auch vollzogen. Also symbolisch zumindest. Maria Antonia stieg mit ihrem Bruder vor versammelter Hochzeitsgesellschaft ins Bett und beide entblößten jeweils ein Bein. Das reichte für den symbolischen Vollzug der Ehe aus.

Sie wurde dann ihrem Gatten, dem Dauphin von Frankreich und späteren König Ludwig VI. auf neutralen Boden, einer Rheininsel bei Straßburg übergeben. Ab diesen Zeitpunkt wurde sie Marie-Antoinette genannt. Ich denke, die Geschichte mit der französischen Revolution und dass sie im Zuge dieser geköpft wurde, ist allgemein bekannt. Übrigens dürfte das berühmte Zitat: „wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“ gar nicht von ihr stammen sondern ihr von Revolutionären in den Mund gelegt worden sein.

Jean Baptiste Bernadotte

Nach diesem Vorfall in Wien reiste Bernadotte wieder ab. Übrigens wurde in Paris darüber diskutiert ob dieser Bruch des Völkerrechts nicht zu einer Kriegserklärung führen sollte. Bernadotte machte in weiterer Folge als König Karl XIV, König von Norwegen und Schweden eine glanzvolle Karriere. Immerhin begründete er damit eine Dynastie, die in Schweden seit 1818 regiert.

Es gibt da noch eine Geschichte über ihn, die sich recht hartnäckig hält. Angeblich hatte er als waschechter Revolutionär eine Tätowierung mit dem Text „Tod allen Königen“, die erst nach seinem Tod entdeckt wurde. Diese Tätowierung wird erstmals in einem über ihn Theaterstück erwähnt. Ob diese Tätowierung tatsächlich existierte wird jedoch mangels Quellen angezweifelt.

Mein Buchtipp

Es gab einen geheimen Briefwechsel zwischen Marie Antoinette und ihrer Mutter. Diese Briefe schildern abseits der Geschichtsschreibung die persönlichen Sorgen, Nöte und Gedanken einer Frau, die in Frankreich nie richtig angekommen oder angenommen wurde. Sehr spannend und berührend zu lesen.

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