Wien Geschichte

Wien als Coloniamacht

Schrift auf einer Mauer "Coloniaraum"

Nein, es fehlt kein „l“ und ja, der Titel ist durchaus ernst gemeint.

der Coloniakübel

Ab und zu taucht bei einem Spaziergang durch Wien noch die Beschriftung „Coloniaraum“ auf. Das Bild hier wurde im Fähnrichshof aufgenommen. Ich kenne den Begriff Coloniakübel noch aus meiner Kindheit. Vor langer, langer Zeit hat meine Großmutter, wenn sie von den Abfallkübel im Hof sprach, diesen noch Coloniakübel genannt.

Der Abfall historisch betrachtet

Urspünglich oblag die Beseitigung des Hausmülls der Bevölkerung. 1560 sah sich die Obrigkeit veranlasst, anzuordnen, dass der Müll „in Putten, Scheibtruhen oder auf Kärren und Wagen strakhs aus der Statt“ zu bringen wäre. Die Geruchsbelästigung durch unsachgemäße Entsorgung des Mülls ist durch mehrere Quellen belegt und war enorm.

Ab 1656 bot die Stadt an, den Hausmüll mit den gemeindeeigenen Sammelfahrzeugen abtransportieren zu lassen. Dies wurde dann im 19. Jahrhundert auch verpflichtend.  Bis 1934 war die Müllabfuhr sogar kostenlos.

die Müllaufleger

1904 hatte Wien bereits 104 Pferdewagen im Einsatz. Die Wiener brachten ihren Mistkübel zum Wagen. Der Müllaufleger „legte“ diesen dann auf den Pferdewagen auf. Diese Vorgangsweise war natürlich alles Andere als sauber. Diese Mistwägen waren offen. Die Zusammensetzung des Hausmülls war natürlich komplett anders als heute. Der Hausmüll bestand zu einem sehr großen Teil aus Asche. Es wurde gekocht und geheizt mit Holz- bzw. Kohleöfen. Der Anteil der Asche lag daher (abhängig von der Jahreszeit) bei mindestens 30 %. Die Müllabfuhr war daher eine sehr staubige und für die Müllaufleger ungesunde Arbeit. Übrigens ist „Müllaufleger“ auch heute noch die offizielle Bezeichnung für den Beruf des umgangssprachlich „Mistbauern“ oder „Mistbuam“ genannten Bediensteten, welche die Mistkübel in Wien regelmäßig leeren.

Die Bezahlung ist hervorragend. Es gab vor langer Zeit sogar einmal eine Demonstration von Polizisten, die mindestens so viel verdienen wollten, wie ein Bediensteter der Müllabfuhr. Ich habe damals auch mitdemonstriert. Leider war es erfolglos.

System Colonia

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es daher immer wieder Diskussionen, die Müllabfuhr zu reformieren. Es wurde etwa ein Wechseltonnensystem diskutiert. Dabei wird jeweils eine volle gegen eine leere Mülltonne ausgetauscht. Der Nachteil ist dabei, dass die Reichweite eines Müllsammelfahrzeuges begrenzt ist. Es können nur eine begrenzte Anzahl an Tonnen transportiert werden. 1918 erfolgte dann ein Probebetrieb mit dem System Colonia, welches dann bis 1928 in ganz Wien eingeführt wurde.

Der Name stammt vom lateinischen Begriff „Colonia“ für die Stadt Köln, wo dieses System entwickelt wurde. Es wurden dafür einheitliche Mistkübel in den Häusern aufgestellt. In diesen 10 Jahren von der Probezeit an gerechnet waren dies immerhin 173.478 Kübel. Also durchaus ein finanzieller und organisatorischer Gewaltakt.

Diese hatten einen Kippdeckel, der beim Entladen auch gleich als Staubschutz diente. Dazu musste auch der Fuhrpark umgestellt werden. Die Coloniawagen, wie die Müllsammeltransporter bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts genannt wurden,  hatten entsprechende Vorrichtungen zum Einhängen der Coloniakübel.

Die geschätzte Leserin und der werte Leser wird mir zustimmen, dass Coloniawagen deutlich charmanter klingt als Müllsammelfahrzeug. Leider ist dieser Begriff schon seit längerer Zeit vom Aussterben bedroht und auf der Liste der bedrohten Wiener Wörter. Schade eigentlich.

Und heute?

In Wien sind rund 220.000 Restmüllbehälter aufgestellt. Die Entleerung erfolgt mindestens wöchentlich. Dabei fallen jährlich etwa 500.000 Tonnen Restmüll an, welche zu 100 % in der Müllverbrennung verwertet werden. Dabei entsteht Fernwärme und Strom. Der Rest beträgt im Volumen etwa 10 % des Ausgangsmaterials und wird entsprechend entsorgt.

Mein Buchtipp

Ein wunderbares Buch. Hier finden Sie eine Rezension des Standards

Ich mag diese Bücher, die eine Stadt so beschreiben, wie man sie selbst als Einheimischer nicht kennt.

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