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die Zwingburg am Schwarzenbergplatz

Schwarzenbergdenkmal

„Wenn jemand auf einen Gulden kommen will, muss er sechzig, siebzig Kilo hochschleppen. Da gehört Humor dazu“ – ein Strotter 1902

Der Schwarzenbergplatz

Vor dem Bau der Ringstraße befand sich hier das Glacis. Also jener freie Platz rund um die Stadtmauern, die in Friedenszeiten dem Flanieren und der Erholung  und in Kriegszeiten als eine Art Pufferzone diente. Die feindlichen Armeen sollten hier gesehen und auch bekämpft werden können.

Die Art der Kriegsführung hatte sich jedoch gewandelt. Das musste auch der Kaiser, der sicher alles Andere als fortschrittlich war, einsehen. Daher wurde der Bau der Ringstraße beschlossen.

Das Schwarzenbergdenkmal

Der Schwarzenbergplatz sollte als Standplatz des Denkmales des siegreichen Heerführers der Völkerschlacht von Leibzig, Karl Philipp Fürst Schwarzenberg dienen. Es wird auf die historische und gesellschaftliche Dimension hier an anderer Stelle noch eingegangen werden. Jedenfalls hat der Bildhauer des Denkmals, Ernst Julius Hähnel darauf bestanden, dass der Platz selbst zwischen Ring und Lothringerstraße einheitlich symmetrisch gestaltet werden müsse. Damit wurde der Architekt Ferstel beauftragt.

Aber jetzt nach unten

Nach dieser Einleitung gehen wir nun endlich in medias res. Der Platz besteht nicht nur aus den Häusern und dem Denkmal sondern es befindet sich eine ganze Menge darunter. Einerseits natürlich die U-Bahn. Andererseits natürlich der Wienfluss, der im 19. Jahrhundert noch an der Oberfläche floss. In ihn werden die Abwässer der Kanalisation eingeleitet.

Bestrebungen zu einer Kanalisation gab es seit dem Mittelalter. Um 1830 gab es im Bereich des jetzigen 1. Bezirks etwa 20 km Abwasserkanäle, in den Außenbezirken etwa 90 km. Ich habe einen Bericht aus dem Jahr 1993 gefunden, in welchem von 1.847,579 km Kanalisation in Wien die Rede ist. Da ist aber in der Zwischenzeit durch die Stadterweiterung sicher noch Einiges dazu gekommen.

Die Zwingburg und die Strotter

Unterhalb des Schwarzenbergplatzes befand sich auch die Heimat der Strotter. Hier befindet sich unterirdisch ein großer Raum, durch den der Wienfluss fließt. Etliche Zuleitungen, teilweise so eng, dass sie nur auf dem Bauch kriechend passierbar sind, führen dorthin und der Zugang zu diesem Raum war nur über ein Holzbrett erreichbar. Dieses wurde, bei Polizeikontrollen einfach eingezogen und die Flucht war über die vielen Zuläufe und Kanäle leicht möglich. Dieses Labyrinth von kleineren und größeren Kanälen war undurchschaubar, wenn man nicht ortskundig war. Dieser Raum wurde umgangssprachlich als Zwingburg bezeichnet. Das ist ein uralter Begriff für eine sehr schwer einnehmbare Burg.

Hier lebten die sogenannten Strotter. Dieser Begriff wird wohl auch nur mehr in Wien verstanden. Der Begriff leitet sich von dem alten Wiener Wort „strotten“ ab, welcher aussortieren bedeutet. Hier lebten und arbeiteten die Ärmsten der Armen, die hier versuchten, aus dem Abwasser noch irgend etwas Verwertbares heraus zu fischen.  Es gab sogar eine Spezialisierung auf Metallstrotter und Fettstrotter. Erstere angelten nach abgebrochenen Klingen, verlorenen Münzen oder dergleichen und Letztere angelten nach Knochen und Essensrückstände um diese an Seifensieder zu verkaufen.

Der Journalist Max Winter verkleidete sich als Obdachloser und machte für die Arbeiterzeitung 1902 eine Dokumentation über diese Leute. Das eingangs angeführte Zitat stammt aus dieser Reportage, die auch in Buchform veröffentlicht wurde. Dieser angeführte Gulden wäre heute etwa 20 Euro wert. Ein weiterer Journalist, der im Untergrund bei den Strottern recherchierte war Emil Kläger. Mein heutiger Buchtipp ist ein Faksimile seines nun über 100 Jahren alten Buches. Es ist aber immer noch lesenswert und zeigt das alte Wien von einer Seite, die den meisten unbekannt ist. Abseits des Glanzes der Ringstraße und der Palais. Seine Vorträge an der Bellaria waren ständig ausverkauft. Elend und Gruseln verkaufen sich gut.

Das Ende der Strotter

1934 wurde die Kanalbrigade der Polizei gegründet. Diese hatten einerseits die Ortskenntnisse als auch die entsprechende Ausrüstung um im Untergrund entsprechend einzuschreiten. Sie hatten auch die Aufgabe, politische Aktivisten, die im Kanalnetz ihren Unterschlupf gefunden hatten aufzuspüren und festzunehmen. Nach dem Krieg hatten sie dann die Aufgabe, die Schleichhändler, die sich das Kanalnetz zu Nutze machten, zu beamtshandeln. Der Film „der dritte Mann“ erinnert noch daran.

Die Strotter hatten dieser Truppe dann nichts mehr entgegen zu setzen. Heute wird diese Aufgabe der Kanalbrigade von der Wiener Alarmabteilung miterledigt. Das Kanalnetz hat diese Bedeutung bei Obachlosen und Kriminellen verloren. Die Bestreifung erfolgt daher nur fallweise.

Dazu kam dann natürlich, dass auch soziale Maßnahmen ergriffen wurden. Etwa die Eröffnung des Männerwohnheimes in der Meldemannstraße, deren berühmtester Unterstandsloser Adolf Hitler war, der dort 3 Jahre lang wohnte. Der Untergrund hatte seine Funktion als Heimstätte verloren.

Mein Buchtipp

Wie bereits angeführt, eine Reportage aus dem alten Wien über die Strotter und deren Leben. Hochspannend zu lesen. Näheres in der Buchbeschreibung von Amazon.

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